Auch am Morgen erhalte ich Besuch von Werner. Er bringt mir Frühstück und nennt mir bei der Verabschiedung die Antwort auf die Frage des gestrigen Abends. (Die ich natürlich für alle noch folgenden Pilger nicht verrate.)
Noch immer zählt das Wegstück hinter Königsbrück als „Perle des Gesamtverlaufs“. In einer Schutzhütte am Waldrand liegen Hefte aus, in denen sich Pilger wie in einem Gästebuch verewigt haben. Ich freue mich, von zwei mir bekannten unter ihnen lesen zu können: Pilgerin Susanne, die ich bei Waltraud traf und R. K. aus Schmiedeberg.
Leider ist die Heidelbeersaison für dieses Jahr vorbei, dass ich nicht wie 2007 eine halbe Ewigkeit mit Naschen verbringen kann. Dafür kreuzt jedoch ein Wildschwein den Weg, und das ist auch ein schönes Erlebnis.
Schönfeld
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Im Innenhof des Schönfelder Schlosses halte ich zur Rast. Kaum habe ich die Stadt hinter mir gelassen, setzte ich mich allerdings schon wieder. Den Eisstand, den ich beim Pilgern vor zwei Jahren aufgrund der morgenlichen Uhrzeit leider Gottes nicht nutzen konnte, gibt es nämlich noch immer. So wie es aussieht, werde ich Großenhain wohl wie Königsbrück erst abends erreichen. Aber ich habe ja Zeit, Eile ist beim Pilgern ein Fremdwort.
Obwohl ich gut gelaunt bin, lassen meine Kräfte langsam nach. Dabei habe ich noch ein langes und anstrengendes Stück vor mir: einen stur geradeaus führenden Feldweg nach Folbern, an dem ich 2007 fast gescheitert wäre, und der lange geteerte parallel zur Bundesstraße verlaufende Weg nach Großenhain.
Doch der Engel des Pilgerweges lässt mich nicht im Stich. Er schenkt mir eine Schildkröte, die im Garten eines Hauses spaziert. Sie ist sogar älter als die Rentnerin, die sich um sie kümmert. Fasziniert streichle ich dem Tier über die graue faltige Haut. Langsam, aber beständig, so bewegt sich die Schildkröte, und kommt somit auch vorwärts. Langsam, aber beständig, so werde auch ich mich bewegen und somit Großenhain erreichen.
Schenkt Kraft zum Weiterlaufen-
Schildi
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Bis nach Santiago de Compostela sind es noch immer „nur noch 2980 Kilometer“. Um mir die letzte anstrengende Stunde bis ins Zentrum von Großenhain zu erleichtern, beginne ich mit lautem Gesang. Was ich an Liedern in Frankreich auswendig gelernt habe, ist im Kopf fest verankert. Als ich nach „Über den Wolken“ mit „In einen Harung“ beginne, ist es jedoch vorbei mit mir. Ich bringe die letzten Worte so durcheinander, dass der gesamte Inhalt des Liedes auf den Kopf gestellt wird. Aber es hat einen entscheidenden Vorteil: Durch den folgenden Lachanfall fällt das Laufen einfach tausendmal leichter. Zwei Straßenschilder weißen nach links zum Krankenhaus und Pflegeheim ab. Dort wäre ich jetzt wohl am besten aufgehoben, denke ich mir, bleibe dann aber doch geradeaus auf dem Pilgerweg und erreiche schließlich endlich die Herberge von Großenhain.
Liebevoll und fürsorglich empfängt mich die Herbergsmutter Frau Zenker. Ich bin überglücklich, als sie mir sagt, dass ich mich von dem Birnenbaum im Hof bedienen kann. Denn das war einer meiner Träume auf dieser Pilgerreise: Birnen pflücken und Kompott aus ihnen kochen. Als „Vorspeise“ dazu gönne ich mir einen Teller Spagetti mit Tomatensoße und begrüße nicht zuletzt die Fahrradpilgerinnen vom Vortag.
So schöne Tage, so schöne Natur, Begegnungen, Gedanken und Überraschungen! Schade, dass ich morgen schon wieder nach Hause muss.


