Wir frühstücken zu dritt und fotografieren um die Wette. Ich verfasse einen metaphorischen Gästebucheintrag und verabschiede mich von der wohl letzten Pilgerherberge in diesem Jahr. Bald geht mein Studium weiter und so langsam muss ich mich darauf einstellen, den Pilgergeist in die Winterpause zu schicken. Auf welchem Weg ich wohl nächstes Jahr landen werde? Wieder in Frankreich? Oder gar in Spanien?
Die letzte Pilgerherberge 2009
*
Ich bin glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil der Weg auch heute so schön ist wie an den Tagen zuvor. Keine einzige Stunde hatte ich Regen, überall blühen noch Blumen, leuchten rot die Äpfel, gelb die Birnen und blau die Pflaumen. Ich fotografiere, träume, lausche dem Gesang der Vögel, singe selbst und sauge alle Bilder in mich auf.
Das alles aber nur noch wenige Stunden genießen zu dürfen, macht mich traurig. Einen tagelangen Trauerschub wie in Frankreich wird es wohl nicht geben, aber zum Trost werde ich in Riesa schon einen Latte macchiato trinken und ein Eis schlecken müssen.
Ankunft an der Elbe
*
Auf dem Weg am Elbufer werde ich unruhig. Ich laufe schneller, lege dabei immer weniger Pausen ein und wundere mich, warum ich plötzlich so müde werde und meine Beine schmerzen. Die Eile kommt daher, weil ich mir als Abschluss noch das Nudelmuseum in Riesa anschauen will (zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass dieses noch einmal fünf Kilometer außerhalb der Stadt liegt) und den Weg nicht kenne. Ich weiß nicht, wie lange ich bis zum Ziel noch unterwegs sein werde und der Gegenwind stimmt mich nicht gerade optimistisch, es überhaupt noch zu schaffen.
*
Quizfrage: Welche Reaktion auf diese Situation ist die beste?
a) Eile, um sich total kaputt ein Museum anzuschauen, das man auch ein andermal besichtigen kann und dabei die letzten kostbaren Momente einer Pilgerreise zu verschwenden,
oder
b) Anhalten, hinlegen und Pause machen, aber sofort!!!
Richtige Antwort: b)
*
Eingekuschelt in meinem Schlafsack verfalle ich am Fluss in einen herrlichen Schlummer, der mich wieder meine Ruhe finden lässt. Zwei Stunden bin ich außer Gefecht gesetzt und es ist herrlich, denn im Anschluss fühle ich mich nahezu wie frisch geboren. Ein Hoch auf die Ruhe, das Wesen des Pilgerns. Sie soll mir für das kommende Semester an der Universität eine Lehre sein!
Am späten Nachmittag erreiche ich die Sportstadt Riesa. Wenn das kein Symbol für meine Wanderung ist. Bevor ich meinen persönlichen Abschluss finde, erkundige ich mich nach den Abfahrtzeiten des Zuges nach Leipzig. Danach führen mich die letzten Meter in das Zentrum der Elbstadt, wo ich meine Zielkirche leider nur von außen betrachten kann, da sie geschlossen und der zuständige Pfarrer auch nicht mehr zugänglich ist.
Die Kathedrale von Riesa de Compostela
*
So endet, wie bereits zuvor angedacht meine Pilgerreise ähnlich, wie sie begonnen hat: In einem Café mit Latte macchiato und einem Eis auf dem Weg zum Bahnhof.
*
Auf Wiedersehen, Pilgerweg! Ich verspreche dir, schon nächstes Jahr wiederzukommen, sobald Ferien und Wetter es erlauben. Bis dahin alles Gute für dich und deine Pilger!
Ultreya,
Anika und Frieder, der lustige Rucksack



