Kehrt der März in das Land, so rechnet man damit, dass bald auch der Frühling kommt. Und so plane ich meine erste Pilgerreise des Jahres 2010 für die erste Märzwoche. Ich freue mich, nach dem Unistress und anderen Umbrüchen wieder zur Ruhe zu finden, Natur zu erleben, jeden Tag draußen und in Bewegung zu sein. Was ich noch nicht weiß: Die Tage werden so eisig kalt, dass sogar das Wasser in meiner Flasche gefriert.
Der Weg soll mich innerhalb von fünf Tagen von Erfurt nach Vacha führen. Am Dienstag fahre ich nach Erfurt und hole eine ausgiebige Stadtbesichtigung nach, die mir 2007 auf meiner Reise verwehrt blieb. Damals hatte ich mich Kilometer verlaufen und war bei meiner Ankunft so erschöpft, dass ich es nur noch bis ins Bett der Herberge geschafft habe. Heute jedoch erblicke ich die ersten Schneeglöckchen, staune über das architektonische Wunder der Krämerbrücke, besuche Bernd das Brot und genieße von einem Turm die Aussicht über Erfurt.
Tag 1: Erfurt
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Herberge finde ich bei bekannten Pilgerfreunden, nämlich bei Konrad und Monika, die ich auf meiner Pilgerreise im September kennengelernt habe. Ich werde von beiden so lieb begrüßt und aufgenommen, dass ich mich sofort zu Hause fühle. Wir unterhalten uns, schauen Konrads und Monikas Bilder ihrer Pilgerwoche an, essen und machen ein Gesellschaftsspiel.
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Nach einem reichlichen Frühstück breche ich auf. Der Morgen ist frisch, aber durchaus nicht unangenehm. Besonders genieße ich die vielen Pilgerdetails am Wegrand, handgeschnitzte Wegweiser, die den Jakobsweg ausschildern, erste Frühblüher und die Ruhe der Felder. Sogar einen Hasen sehe ich über den Acker hoppeln. Ob er der nachfolgenden Generation des Hasen entstammt, denn ich an gleicher Stelle 2007 gesehen hatte?
Schön ist das Laufen, doch matschig der Weg. Von der Schneeschmelze zurückgebliebener Schlamm setzt sich so dick an meine Wanderschuhe fest, dass es richtig schwer wird, die Beine zu heben.
Tag 2: Matschwege
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In einem Dorf vor Gotha, dem Ziel meiner ersten Etappe, halte ich zur Rast. Wenn es windstill ist und auch keine Wolken die Sonne verdecken, wird es in ihrem Licht richtig warm. So warm, dass ich mich sogar für eine halbe Stunde im Schlafsack auf meiner Isomatte zur Mittagsruhe ausbreiten kann.
Sehr herzlich werde ich bei Familie von Rohden in Gotha aufgenommen. Ich nehme Teil an einem sehr harmonischen Familienleben, fühle mich jedoch ziemlich müde und erschöpft. Die Ursache dafür liegt auf der Hand: Während des Studiums habe ich mich wieder einmal selbst vernachlässigt, zu wenig bewegt und kaum Sport gemacht. Auch fühle ich mich einsam, so ganz allein in dieser Herberge, ohne meine Freunde.
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Am nächsten Tag pilgere ich von Gotha bis nach Neufrankenroda. Es ist deutlich kälter geworden, kaum kann ich länger als 15 Minuten im Freien sitzen, um eine Pause zu machen. Sofort kühlt der Körper aus. Das Wandern in der Natur gibt mir Halt, lässt mich zur Ruhe kommen und macht mich glücklich, allerdings jedoch immer nur kurzweilig, wenn es einmal nicht so kalt ist, weil der Wind nachlässt und die Sonne hinter dicken Wolken hervorlugt.
Der Erlebnisbauernhof hält, was er im Pilgerführer verspricht. Zwar hat die Feriensaison noch lange nicht begonnen, aber überall ist zu erkennen, wie viel Liebe und Detail in dem Gelände steckt und dass es hier im Sommer wirklich sehr schön sein muss. Den Abend lasse ich bei einem langen Spaziergang und Schattenspielen ausklingen.
Tag 3: Schattenspiele
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Am nächsten Morgen trifft das ein, was ich befürchtet hatte: Über Nacht hat es geschneit. Ein dünner weißer Teppich liegt auf den Wiesen. Der Anblick der aufgehenden Sonne über dem glitzernden Schnee ist traumhaft, doch nicht der Gedanke, bei diesen Temperaturen zu pilgern.
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Tag 4: Leise rieselt(e) der Schnee…
Der Weg Richtung Eisenach führt über weite Felder. An diesem Tag ist der Gegenwind so eisig, dass er sich richtig in meinen Körper frisst und es schmerzt. Das Wasser in meiner Flasche gefriert. Ich kann kaum Pausen einlegen, habe demzufolge bald wieder Schmerzen in den Füßen und der Tunnelblick durch Mütze und zwei Kapuzen gegen den frostigen Wind macht mich unglücklich. Alles, was ich sehe und erlebe, ist das Unmittelbare vor mir, ein Daneben, Dahinter, Rundherum gibt es nicht.
Tag 4: Im Reich von Schneepilgerin und Friederchen Frost
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Erst nach dem Aufstieg der Hörselberge finde ich Entspannung. Der Wind wird von den Bäumen abgeschirmt und der Blick ins Tal nach einem harten und anstrengenden Aufstieg ist so faszinierend, dass ich laut schreien muss, um mein Erfolgsgefühl ausdrücken zu können. Ich fühle mich großartig.
Tag 4: Großer Frieder-Hörsleberg
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Unterkunft finde ich im Diakonissenmutterhaus in Eisenach. Durch Bauarbeiten werden zur Zeit eigentlich gerade keine Unterkünfte für Pilger zur Verfügunng gestellt (klar, wer ist so verrückt, dass er schon jetzt bei diesen Temperaturen pilgern geht?!), doch die Schwestern bemühen sich, irgendwie noch ein Obdach für mich aufzutreiben. Ein sehr schönes sogar, mit eigenem Zimmer, Dusche und sogar einer Küche, in deren Ofen ich mir zum Abendbrot eine Pizza backe.
Am Abend kommen mir, allerdings nicht zum ersten Mal Zweifel, ob ich meine Pilgerreise vielleicht abbrechen und zurück nach Leipzig fahren soll. Das Ankommen in warmen beheizten Räumen ist schön, ebenso die Natur, die Wege und das Wandern. Aber wegen der Kälte kann ich kaum Pausen machen, sie macht das Laufen unangenehm, lässt nur auf das Ziel hinsteuern und nicht auf den Moment an sich. Auch fühle ich mich etwas krank, einsam und habe Heimweh. Gleichzeitig nagen der Stolz und der Ehrgeiz an mir, wegen so kleinen Witterungskatastrophen nicht aufgeben zu wollen.
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Was ich letztendlich tun soll, entscheidet sich am darauffolgenden Tag sehr schnell und einfach mit dem Blick aus dem Fenster. In der Nacht ist der Winter zurückgekommen. Eine nicht dünne weiße Schneedecke liegt bereits und noch immer fällt bei starkem Wind heftiger Niederschlag. So beschließe ich, heute nur noch die Wartburg zu besichtigen und am Nachmittag zurück nach Leipzig zu fahren. Es ist sehr schade, aber mir eine Lungenentzündung will ich mir auch nicht holen.
Tag 5: Verschneite Wartburg
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So endet meine sehr kurze erste Pilgerwoche des Jahres. Winterlich, kalt, einsam. Und trotzdem schön, wenn ich an die doch dagewesenen kleinen Momente denke, die sich wie Frühling angefühlt haben, die warmen Duschen nach einer kühlen Wanderung, das Erklimmen des großen Hörselberges, die Bewunderung der Einwohner, schon jetzt wieder den Pilgerschuh zu schnüren.






Hallo Anika,
schön, dass Du wieder am Schreiben bist!
Besten Gruß
Christian