Erschöpft, aber glücklich lande ich nach einer langen Zugreise am Mittwochabend in Leipzig. Fünf Tage habe ich mit zwei Freundinnen in der slowakischen Hauptstadt Bratislava einen Kurzurlaub verbracht. Nun wird es gleich auf die nächste Reise gehen. Nachdem mein erster Pilgerversuch im März an kalten Schneemassen scheiterte, freue ich mich, über die Ostertage zum zweiten Mal in diesem Jahr die Wanderschuhe zu schnüren.
Dieses Mal bin ich auch nicht allein. Karen, meine Mitpilgerin aus Frankreich, hatte eines Tages im März die Idee geäußert, von Karfreitag bis Ostermontag von Naumburg nach Erfurt zu pilgern. Es brauchte nicht lange, bis ich mich entschied, sie zu begleiten.
Die Zugfahrt am frühen Morgen beginnt für mich mit Kopfschmerz- und Fiebertabletten. In der Nacht habe ich kaum geschlafen, aber deswegen nicht pilgern gehen? Für eine Anika kommt das gar nicht in Frage. Das Wandern in der Natur wird das bisschen Krankheit schon vertreiben. (Anmerkung: Nach der Osterpilgerreise bin ich für drei Wochen richtig krank geworden, aber was soll’s!)
So beginnen wir in Naumburg bei etwas kühlem, sonst aber sonnigem Wetter unsere Pilgerreise.
Das erste Osterei: Weg durch den Frühling
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Wir tauschen die Neuigkeiten der letzten Wochen und Monate aus, da wir uns lange nicht mehr, und wenn doch, dann nur flüchtig gesehen haben.
Bei unserer ersten Pause begegnen wir einem Pilger aus Leipzig, der bis nach Santiago pilgern will. Das hat unser „Mister“, wie ihn Karen nennt, auch bitter nötig. Der Mann ist nur frustriert und übellaunig, schimpft über den Weg, die Herbergen, das Wetter, die Menschen, körperliche Strapatzen. Einige seiner Beweggründe zum Pilgern erfahren wir, andere können wir uns denken. Wir spekulieren, ob Mister bis nach Santiago durchhält. So, wie er die ganze Zeit klagt und meckert, ist es gut möglich, dass er bald alles schmeißen wird. Sollte er es jedoch schaffen, dann wird ihn der Weg verändern, dessen sind wir sicher.
Später laufen Karen und ich versetzt. Sie geht voraus, während ich eine Pause einlege und ein Kapitel aus „Pippi Langstrumpf“ auf slowakisch lese. Als ich meinen Rucksack zum Weiterlaufen packe, holt mich Mister ein. Wir gehen ein Stück gemeinsam und unterhalten uns. Sehr angenehm ist das Gespräch jedoch nicht, sodass ich ab Lißdorf die letzten Kilometer nach Eckartsberga wieder allein laufe.
Unter einem Baum im Vorgarten des Pfarrhauses hat es sich Karen bequem gemacht. Sie döst im warmen Licht der Sonne. Nachdem wir unser Nachtlager in der Herberge eingerichtet haben, suchen wir unsere ersten kleinen Ostereier (natürlich heimlich, denn es ist ja erst Karfreitag) und spazieren anschließend zur Eckartsburg.
Das zweite Osterei: Anika im Pranger der Burgruine
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Die Umgebung ist voll von Menschen. Sie trinken Kaffee, essen Eis, die Kinder vergnügen sich auf Spielplätzen, Trampolins und der Sommerrodelbahn. Es bedarf nur eines kurzen Blickes zwischen Karen und mir, uns diesen Spaß ebenfalls nicht entgehen zu lassen. Seit Jahren sind wir nicht mehr mit der Sommerrodelbahn gefahren, kann es nun einen besseren Moment als nach einer schönen Pilgerwanderung geben? Selbstverständlich nicht!
Unglücklicherweise habe ich bereits nach der Hälfte der Strecke alle lahmen Bummelenten in den Schlitten eingeholt. Trotzdem, den Spaß war es wert.
Das dritte Osterei: Sommerrodelbahn auf dem Eckartsberg
Ausklingen lassen wir den ersten Tag mit einem Rundgang durch den Kräutergarten, Beklettern von Bäumen, Geprächen mit den Einwohnern und einem leckeren Abendbrot. Karen spielt noch ein bisschen Flöte, ich schreibe und telefoniere mit meinem Freund, der gerade in der Sächsischen Schweiz die Boofen unsicher macht.
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Noch bevor die Sonne aufgeht, beginnt mein persönlicher Morgen. Leise stehe ich auf, schleiche aus dem Pfarrhaus und laufe noch einmal zur Eckartsburg. Ich will den Sonnenaufgang sehen. Schon nach wenigen Minuten des Wartens schiebt sich die leuchtend rot-violette Sonne über den Horizont. Gebannt genieße ich den Anblick und lasse mich von ihm verzaubern.
Das vierte Osterei: Sonnenaufgang am Morgen
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Mister bricht vor uns auf, ohne überhaupt gefrühstückt zu haben. Er möchte in die Buttelstedter Herberge, während Karen und ich die Kirche in Stedten zum Ziel haben. Da wir beide schon einmal in der Herberge waren und wissen, dass es dort eine Küche gibt, kaufen wir in Eckartsberga noch Gemüse für eine leckere Pilgersuppe ein, laufen die ersten Kilometer wieder gemeinsam, dann erneut versetzt.
Das Wetter ist um einiges besser als bei meiner winterlichen Märzpilgerreise. Noch immer weht jedoch ein kalter Wind, der mich nur kurz rasten lässt und zwingt, bei meinen empfindlichen Ohren zusätzlich zum Stirnband die Kapuze aufzusetzen.
Das fünfte Osterei: Schokolade auf dem Wegweiser
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In Oberreißen halten Karen und ich an der Kirche zu einer großen Mittagsrast. Nach dem Essen kuscheln wir uns in unsere Schlafsäcke und dösen. Als die Sonne mehr und mehr hinter den Wolken verschwindet und es kühler wird, setzen wir unseren Weg fort. Wunderschöne Natur dürfen wir durchwandern, kommen uns durch tiefgründige Gespräche sehr nah, in Buttelstedt gönnen wir uns ein heißes Nachmittagsgetränk und pilgern den schwersten Wegabschnitt der Etappe nach Schwerstedt. Danach ist es nicht mehr weit bis zum Ziel.
Die nächste Überraschung folgt schon bald. Auch Mister ist in der Kirche, da die Herberge in Buttelstedt geschlossen ist. Seinen unerträglichen Frust muss ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben. Lieber erzähle ich gleich weiter von der zweitleckersten Pilgersuppe der Welt (die leckerste kocht immer noch Waltraud in Neubelgern), die wir genussvoll in uns hineinlöffeln. Hier das Rezept: Eine Zwiebel anbraten, danach zwei Möhren, drei Kartoffeln und eine Fenchelknolle hinzu, mit Wasser und Gewürzen aufkochen und kurz vor dem Schluss Schafskäse dazugeben, der dem Ganzen noch einmal besonderen Geschmack verleiht. LECKER!!!
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Am dritten Tag pilgern wir bereits nach Erfurt. Mister lässt uns schon bald wieder allein und dieses Mal sind wir uns sicher, ihn seiner Wege ziehen zu lassen, da er über die Buchenwald-Variante bis Weimar pilgern will. Ein unangenehmer Mensch. Sicher, er hatte es nicht leicht in seiner Vergangenheit. Aber viel hat er auch selbst zerstört.
Es ist schön für mich, auf dem Gesamtverlauf noch immer neue Wegstücke zu entdecken. Vor drei Jahren pilgerte ich ebenfalls über Buchenwald, danach kam die größte Verlaufsaktion meines Lebens. Ich bin gespannt auf die Wasserburg in Ollendorf, die sich tatsächlich als „fensterlose Ruine“ herausstellt. Ich lerne aber auch junge Menschen kennen, die sich der Herausforderung angenommen haben, die Ruine wieder als Ferien-, Erholungs- und nicht zuletzt auch als Pilgerzentrum wieder aufzubauen. Ich erkenne die Arbeit, die in dem ganzen Projekt noch steckt und bewundere die Entschlossenheit und Ausdauer der Projektleiter.
Was lerne ich aus dieser Begegnung? Dass ich zuerst einmal zuhören und die Geschichte erfahren sollte, bevor ich gleich herummeckere und mir durch andere Meinungen ein eigenes Bild erstelle!
Karen braucht Zeit für sich, so laufen wir beide wieder allein. Der Weg ist schön, zwar ist die Ausschilderung noch immer mangelhaft, aber mit ein bisschen Konzentration und dem Blick in den Pilgerführer schafft man ihn auch ohne Verlaufen. Ich frage mich, was in meinem Kopf vorgegangen ist, dass ich 2007 links abgebogen statt geradeaus weitergegangen bin. Mittlerweile denke ich aber, dass das Finden des richtigen Weges vor allem auch von einem selbst abhängt. Wer geistig abwesend ist, den Weg frustbelastet läuft, der sieht gar nicht, wie schön die Natur um einen herum, wie schön das Pilgern ist und sieht so oft nicht, dass da eben an dem Baum eine Muschel war, deren Pfeil nach rechts zeigte.
In Kerpsleben, dem letzten Ort vor Erfurt, treffe ich Karen an der Kirche. Von Einwohnern, die selbst immer stärker mit dem Gedanken spielen, ebenfalls Pilger zu werden, ist sie zum reichhaltigen Mittagessen eingeladen worden. Sie leistet mir bei meiner Mittagspause Gesellschaft, anschließend legen wir uns gleich neben dem Firedhof zum Schlafen nieder. Was an uns vorrüberziehende Fußgänger als pietätlos beschimpfen, ist für uns Pilger mitlerweile eine Selbstverständlichkeit geworden. Nirgendwo finden wir einen ruhigeren und friedlicheren Platz für eine pilgerliche Mittagsruhe. Einen Hof des Friedens.
Bis ins Zentrum von Erfurt zieht sich der Weg. Dafür wird es jedoch angenehm warm und wir freuen uns auf ein leckeres Eis. Ziel ist die Herberge im Augustinerkloster. Außerdem möchte ich kurz meine Pilgerfreunde Konrad und Monika besuchen.
Leider erreichen wir die Herberge zu spät. Es ist niemand da, der uns die Schlüssel geben kann, und dieses Mal sind wir auch selbst Schuld daran, weil wir nicht angerufen und uns angemeldet haben. Nun verstehe ich auch, weshalb mein Mitpilger Albert damals nicht mehr in die Herberge gekommen ist.
Was jetzt? In eine Jugendherberge wollen wir nicht und eine Bekannte von Karen, die in Erfurt wohnt, vergnügt sich gerade an der Ostsee. Unsere letzte Hoffnung bleiben nur noch: Konrad und Monika. Eine Telefonnummer habe ich nicht, also laufen wir auf gut Glück zu ihnen und- klingeln.
Und tatsächlich: Die beiden sind zu Hause! Die Überraschung ist groß, ebenso aber auch die Freude. Es wird begrüßt, gedrückt, gelacht, wie selbstverständlich ein Zimmer für uns eingerichtet, Gedeck für Kaffee und Kuchen zum Ostertisch hinzugefügt. Soooo schön, und beinahe unglaublich, wenn wir nicht Pilger wären.
Nach langen Gesprächen machen Konrad und Monika noch einen Spaziergang, Karen zieht sich zum Tagebuchschreiben und Flötespielen zurück und ich knöpfe mir den krönenenden Pilgerabschluss vor: den Jahrmarkt, der gerade auf dem Erfurter Domplatz stattfindet. Das konkrete Ziel für Anikas ultimativen Adrenalinkick: „Turbo Force!“
Das sechste Osterei: Jahrmarkt mit „Turbo Force“ ganz rechts
Ich werde vorwärts und rückwärts durch die Luft geschleudert, drehe mich zusätzlich in der Gondel, habe die beste Aussicht über Erfurt, die man sich nur vorstellen kann, sehe den Dom seitenverkehrt und schreie mir dabei die Stimmbänder aus dem Hals, 100 Dezibel Lautstärke, mindestens! Anschließend bin ich heiser, muss wohl oder übel zwei Kugeln Eis essen, um meinen Hals wieder zu beruhigen.
Kann es einen besseren Pilgerabschluss geben?
Das sechste Osterei: „Turbo Force“
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Es kann, wenn ich an den noch folgenden Abend denke, an dem wir gemeinsam am Tisch sitzen, essen, uns unterhalten und das inzwischen traditionelle Pilgerspiel spielen, mit dem wir uns bereits im März vergnügt haben. Monika und Konrad sind einfach fantastische, liebe Gastgeber.
Da am Montag noch immer Ostern ist, bietet uns am nächsten Morgen auch der gedeckte Frühstückstisch einen Augenschmaus.
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Das siebte Osterei: Ein Osterei
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Am Nachmittag geht es wieder nach Hause. Ich denke an vier wunderschöne Pilgertage zurück, aber dieses Mal bin ich nicht traurig. Denn in Leipzig wartet mein Freund Niklas auf mich und in einem Monat wird es schon wieder auf die Wanderreise gehen:
Zum Staffelpilgern „Europa Compostela 2010“!
Pilgerosterhase Anika im Hasenbau(m)








